In Wien, der Stadt, die oft als kulturelles Herz Europas gilt, hat der Autor Moritz Rinke seine Gedanken festgehalten. Während er an den Proben für sein neues Stück arbeitet, beschreibt er die Stadt als entschleunigt und museumshaft. Besonders beeindruckt zeigt er sich von seinem Besuch im Wohnhaus des berühmten Dramatikers Arthur Schnitzler in Währing, wo er die Atmosphäre der Vergangenheit spüren kann. Rinke reflektiert über die Uraufführung von Schnitzlers Werk „Reigen“ im Februar 1921, das in den Kammerspielen der Josefstadt aufgeführt wurde und zu Tumulten und Protesten gegen die vermeintliche „Unsittlichkeit“ des Stücks führte. Diese historischen Ereignisse scheinen in der gegenwärtigen Wiener Stimmung weiterzuleben.

Die Stadt strahlt eine gewisse Aufgeräumtheit aus, die Rinke an die Zeit von Schnitzler erinnert. In seinen Beobachtungen vergleicht er die Wiener Kaffeehäuser mit der Vergangenheit und sieht Menschen, die ihn an historische Figuren erinnern. Schnitzlers „Reigen“ besteht aus zehn Dialogen und Geschlechtsakten, die nur angedeutet werden. Rinke kritisiert die heutige Darstellung von Sexualität in den Medien und sieht in Schnitzlers Werk eine differenzierte Herangehensweise, die den gesellschaftlichen Normen seiner Zeit widersprach.

Ein Blick auf „Reigen“

Arthur Schnitzlers „Reigen“, ursprünglich zwischen 1896 und 1897 verfasst, thematisiert die Sexualität und die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit. Das Stück, das in zehn Dialogen die Begegnungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten darstellt, wurde 1903 im Wiener Verlag von Fritz Freund veröffentlicht und entwickelte sich schnell zu einem Bestseller. Die Handlung spielt in Wien um 1900 und umfasst Figuren wie die Dirne, den Soldaten, das Stubenmädchen und den Grafen. Die Struktur des Stücks orientiert sich an der Tanzform des Reigens, wobei jeder Charakter zwei Sexualpartner hat. Die sexuellen Akte werden dabei nur angedeutet, was in der Presse gemischte Reaktionen hervorrief.

Die Uraufführung fand am 13. Oktober 1912 in Budapest statt, jedoch ohne die Beteiligung des Autors. Diese Premiere führte zu einem sogenannten „Reigen-Prozess“, der das Stück bis 1982 in Deutschland verbot. Trotz aller Zensur und Kritik fand das Werk Verbreitung und verkaufte sich über 40.000 Mal. Auch Rinke kann nicht umhin, die Relevanz und den Einfluss von Schnitzlers Werk auf die heutige Gesellschaft zu betonen.

Wien, Schnitzler und die Gesellschaft

Die Atmosphäre in Wien, in der Rinke nun lebt und arbeitet, lässt ihn auch über die damaligen gesellschaftlichen Schranken nachdenken. Schnitzler, der in seinem Leben mit antisemitischen Ausschreitungen konfrontiert wurde und dessen Werk vom österreichischen Bundeskanzler als „Schmutzstück aus jüdischer Feder“ diffamiert wurde, steht in einer langen Tradition von Künstlern, die gegen den Strom schwammen. Seine Erzählung „Leutnant Gustl“ von 1900, die den überzogenen Ehrenkodex des Militärs kritisierte, führte sogar zur Aberkennung seines Offiziersrangs. Schnitzler war ein Mensch, der privat nicht den gesellschaftlichen Normen folgte, und seine Erfahrungen spiegeln sich in seinem literarischen Schaffen wider.

In den letzten Jahren seines Lebens lebte er in zunehmender Vereinsamung, doch posthum erhielt er Anerkennung, als Stanley Kubrick seine Erzählung „Traumnovelle“ für den Film „Eyes Wide Shut“ auswählte. Rinkes aktuelle Auseinandersetzung mit Schnitzlers Werk und die Reaktionen des Publikums auf sein eigenes Stück verdeutlichen, wie relevant die Themen von Sexualität und gesellschaftlichen Normen auch heute noch sind. Rinke berichtet von einer gut besuchten öffentlichen Generalprobe seines Stücks „SOPHIA oder das Ende der Humanisten“, bei der die Mehrheit der Zuschauer über siebzig Jahre alt war. Eine Besucherin äußerte sich negativ über das Stück und bezeichnete es als „saudeppert“, was Rinke mit einem Schmunzeln korrigierte, indem er sie darauf aufmerksam machte, dass es „SOPHIA“ heißt.

In dieser faszinierenden Wechselwirkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird deutlich, dass Wien nicht nur eine Stadt voller Geschichte ist, sondern auch ein Ort, an dem die Herausforderungen und Themen von einst immer noch einen Platz im zeitgenössischen Diskurs finden.

Für weitere Informationen über Schnitzler und sein Werk können Sie die ausführliche Quelle auf Weser-Kurier, Wikipedia sowie Planet Wissen nachlesen.