In urbanen Räumen, wo der Platz immer knapper wird, zeigt sich ein großes Potenzial für die Nachverdichtung. In Wien hat Propcorn AI ein beeindruckendes Potenzial von neun Millionen Quadratmetern für die Schaffung von 180.000 Wohnungen identifiziert, wobei jede Wohnung etwa 50 Quadratmeter umfasst. Der Fokus liegt dabei auf den großen Gemeindebauanlagen, die zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren entstanden sind. Es stehen verschiedene Möglichkeiten der Nachverdichtung zur Verfügung, wie Neubauten, Dachgeschossausbauten oder die Überbauung von Garagen, Parkplätzen und sogar Supermärkten. Ähnliche Erkenntnisse wurden bereits 2018 von der Arbeiterkammer in einer Studie von Wohn:Consult festgestellt.
Ein wesentlicher Vorteil der Nachverdichtung ist die Vermeidung langwieriger Widmungsverfahren, die oft den Bau neuer Wohnprojekte verzögern. Architekt Peter Lorenz hebt hervor, dass die historisch gewachsene Trennung von Wohnen und Arbeiten, die in der Charta von Athen von 1933 festgelegt wurde, die nachhaltige Entwicklung behindert. Umweltminister Norbert Totschnig betont das enorme Potenzial brachliegender Flächen, um die Bodenversiegelung zu reduzieren. In Österreich gibt es rund 3.800 brachliegende Standorte, die insgesamt 1.700 Hektar ausmachen und ohne zusätzliche Versiegelung nutzbar sind.
Reaktivierung von Brachflächen und Herausforderungen
In Deutschland ist die Situation ähnlich. Hier gibt es zahlreiche ungenutzte Brachflächen und leerstehende, sanierungsbedürftige Gebäude, selbst in wachsenden Städten und Metropolregionen. Die Reaktivierung dieser Flächen könnte entscheidend dazu beitragen, den Flächenfraß zu reduzieren. Ein Positionspapier von den Verbänden ZIA, gif und DIE STADTENTWICKLER fordert Bund, Länder und Kommunen zu einer stärkeren Flächenreaktivierung auf. Die Verbände betonen, dass die Reaktivierung von Brach- und Potenzialflächen eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Kommunen, Immobilienwirtschaft und Stadtentwicklern ist. Auch die Bürgerinnen und Bürger sowie die Zivilgesellschaft sollten in diesen Prozess eingebunden werden.
Die Notwendigkeit des Flächenrecyclings wird durch die Zunahme an Brachflächen im Innenbereich der Ortschaften unterstrichen. Diese Flächen sind oft aufgegebene Betriebsgrundstücke, die nicht mehr benötigt werden, und ihre Umwandlung in Wohn- oder Mischnutzungen könnte ein Schlüssel zur Lösung der Wohnungsproblematik sein. Allerdings stehen der Umwandlung bestehender Gewerbegebiete in Wohngebiete oft bestehende Widmungen und rechtliche Unsicherheiten im Weg. Philipp Buxbaum von smartvoll-Architekten schlägt „Widmungsanreicherungen“ vor, um flexiblere Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen, während das erfolgreiche „Quartier Autopalast“-Projekt in Salzburg zeigt, wie ein Parkhaus in ein Wohngebäude umgewandelt werden kann.
Flächenrecycling als Lösung
Die Herausforderungen für das Flächenrecycling sind vielfältig: Bestehende Bebauungen, alte Versorgungsleitungen, Altlasten und Sanierungsverpflichtungen machen neue Flächen auf der „Grünen Wiese“ oft attraktiver. Zuverlässige bundesweite Daten zum Brachflächenbestand fehlen, jedoch zeigen frühere Erhebungen, dass ungenutzte Flächen seit 1993 zugenommen haben. Schätzungen aus den 2010er-Jahren sprechen von etwa 150.000 bis 176.000 Hektar ungenutzten Flächen in Deutschland. Das Wiedernutzungspotenzial dieser Brachflächen liegt laut der BBR-Baulandumfrage von 2006 bei über 63.000 Hektar.
Die Flächenreaktivierung und das Flächenrecycling sind somit nicht nur notwendig, um den Wohnraum zu erweitern, sondern auch um Klimaziele zu erreichen, den Gewässerschutz zu verbessern und den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen. Es ist an der Zeit, ein Umdenken in der Stadtentwicklung zu fördern und die Chancen, die brachliegende Flächen bieten, aktiv zu nutzen. Weitere Informationen und Details zu den Möglichkeiten der Flächenreaktivierung finden Sie in den Artikeln von Die Presse, ZIA Deutschland und Umweltbundesamt.