Ab dem kommenden Mittwoch werden 65.000 Schüler in Österreich an einem spannenden „Handy-Experiment“ teilnehmen, das in einer Schule in Wien-Liesing durchgeführt wird. Ziel dieses Projekts ist es, drei Wochen ohne Smartphone auszukommen. Die Initiative hat bereits das Interesse von Schulen in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein geweckt. Die wissenschaftliche Leitung hat Oliver Scheinbogen, ein Klinischer Psychologe am Anton-Proksch-Institut und der Sigmund-Freud-Universität, übernommen. Dieser hat sich intensiv mit den Effekten von Internet und Smartphones auf Körper und Geist beschäftigt und warnt vor den negativen Folgen des exzessiven Konsums von sozialen Medien, die das psychische Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen können.
Laut Scheinbogen haben 15 Prozent der unter 24-Jährigen ein problematisches Nutzungsverhalten. Es ist bemerkenswert, dass viele Jugendliche sich der süchtig machenden Algorithmen der sozialen Medien bewusst sind. Scheinbogen kritisiert zudem den Begriff „soziale Medien“, da er der Meinung ist, diese Plattformen sollten nicht nur für sozialen Austausch genutzt werden. Vielmehr müssen zwischenmenschliche Fähigkeiten im direkten Gespräch geübt werden. In einer früheren Version des Experiments in Niederösterreich zeigte sich, dass das psychische Wohlbefinden der Teilnehmer um 30 Prozent anstieg, auch wenn 25 Prozent der Teilnehmer das Experiment vorzeitig abbrechen mussten, da sie nicht in der Lage waren, drei Wochen ohne Smartphone auszukommen. Bei einigen traten Symptome wie Kopfschmerzen auf, die jedoch nach Wiederinbetriebnahme des Handys verschwanden. Für weitere Informationen zu diesem Experiment, lesen Sie hier.
Mediennutzung und psychische Gesundheit
Ein aktueller Bericht der WHO verdeutlicht, dass 11 % der Jugendlichen Anzeichen eines problematischen Verhaltens im Bezug auf soziale Medien zeigen. Besonders betroffen sind Mädchen mit 13 % im Vergleich zu 9 % bei Jungen. Alarmierend ist, dass 36 % der Jugendlichen ständig online mit Freunden in Kontakt stehen, wobei dies bei 15-jährigen Mädchen sogar 44 % beträgt. Darüber hinaus verbringen 34 % der Jugendlichen täglich Zeit mit digitalen Spielen, wobei 22 % an Spieltagen mindestens vier Stunden spielen. Problematische Nutzung sozialer Medien kann suchtähnliche Symptome wie Kontrollverlust hervorrufen und hat negative Auswirkungen auf das tägliche Leben, was zu einem geringeren seelischen und sozialen Wohlbefinden und sogar zu höherem Substanzkonsum führen kann.
Die WHO betont die Notwendigkeit von Medienkompetenz und schlägt Maßnahmen wie Altersbeschränkungen für soziale Medien vor. Positive Aspekte sozialer Medien, wie die Unterstützung durch Gleichaltrige, sollten jedoch nicht ignoriert werden. Dr. Natasha Azzopardi-Muscat hebt hervor, wie wichtig Schutzmaßnahmen für Jugendliche sind und dass Interventionen altersgerecht, geschlechtersensibel und kulturell angepasst sein sollten. Für weitere Details zu den psychischen Auswirkungen digitaler Medien, lesen Sie hier.
Der aktuelle Stand der digitalen Mediennutzung
In Deutschland besitzen nahezu alle Jugendlichen ein eigenes Smartphone, und die Nutzung digitaler Medien ist während der COVID-19-Pandemie stark angestiegen. Digitale Plattformen unterstützen wichtige Entwicklungsaufgaben, doch sie bringen auch erhebliche Gefahren mit sich. Etwa 5 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Cybermobbing betroffen, was in einem bidirektionalen Zusammenhang mit psychischen Problemen steht. Es ist wichtig zu wissen, dass die Computerspielstörung als erste Digitale-Medien-Nutzungsstörung in die ICD-11 aufgenommen wurde und international als psychische Erkrankung anerkannt ist. Adoleszente sind besonders anfällig für diese Störungen, die zu ernsthaften Beeinträchtigungen ihrer psychischen Entwicklung führen können.
Die digitale Medienindustrie wächst rasant und erzielte im Jahr 2023 einen Umsatz von 15 Milliarden Euro in Deutschland. Fast 85 % der 10- bis 17-Jährigen nutzen regelmäßig digitale Spiele, 89 % soziale Medien und 83 % Video-Streaming-Dienste. Jugendliche verbringen im Durchschnitt 3,4 Stunden täglich online, was über der empfohlenen maximalen Dauer von 2,5 Stunden liegt. Der Bedarf an effektiven Präventions- und Interventionsprogrammen ist derzeit größer als deren Verfügbarkeit. Die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen beim Erwerb von Medienkompetenz ist entscheidend für ihre gesunde Entwicklung. Weitere Informationen zu diesen Themen finden Sie hier.