Im 23. Bezirk von Wien, Liesing, plant die KPÖ ein bedeutendes Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Geschichte von Widerstand und Verfolgung während der NS-Zeit. Anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkriegs soll das Projekt die Jahre von 1938 bis 1945 umfassend beleuchten. Der Antrag zur Beauftragung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) wurde von Rainer Hackauf (KPÖ) in der Bezirksvertretung eingebracht und einstimmig angenommen. Die Kulturkommission hat ebenfalls beschlossen, Kontakt mit dem DÖW aufzunehmen, um mögliche Realisierungswege zu prüfen.
Im Fokus des Projekts steht die namentliche Erfassung der Bezirksbewohner, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Dabei sollen Personendaten, letzte Wohnadressen sowie Hintergründe der Verfolgung recherchiert werden. Dies umfasst politische, religiöse, rassische Gründe und auch die sexuelle Orientierung der Betroffenen. Alle verfolgten Personen, die 1938 im Bezirk wohnten, sollen erfasst werden, einschließlich jener, die später vertrieben oder deportiert wurden. Ein weiteres Ziel des Projekts ist die Dokumentation des Widerstands gegen das NS-Regime im Bezirk. Hierbei werden sowohl politisch organisierte als auch religiös motivierte Engagements sowie ziviler Ungehorsam in den Blick genommen.
Die Rolle des DÖW
Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) spielt eine zentrale Rolle in diesem Vorhaben. Gegründet wurde das DÖW am 11. Februar 1963 von einer Gruppe von Wissenschaftlern und ehemaligen Widerstandskämpfern. Es hat sich seither der Sammlung, Archivierung und wissenschaftlichen Auswertung thematisch relevanter Quellen zur Widerstandsforschung und Dokumentation von NS-Verfolgung gewidmet. In den Anfangsjahren war das innenpolitische Klima in Österreich von ehemaligen NS-Anhängern geprägt, was die Anerkennung von Widerstandskämpfern erschwerte. Oft wurden diese als „Eidbrecher“ oder „Verräter“ bezeichnet.
Das DÖW hat im Laufe der Zeit bedeutende Beiträge zur Forschung geleistet, etwa durch die Identifizierung von über 62.000 österreichischen Holocaustopfern zwischen 1992 und 2001. Zudem beschäftigt sich das DÖW auch mit dem Schicksal von über 130.000 Vertriebenen aus Österreich. Neben der wissenschaftlichen Auswertung führt das DÖW auch Aufklärungs- und Informationsarbeit für Jugendliche und Schüler durch, um das Bewusstsein für die Geschichte und die damit verbundenen Themen zu schärfen.
Ein bedeutendes Erbe
Die Gründung des DÖW, 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, steht im Kontext eines Landes, das nach dem Krieg mit seiner Vergangenheit hadert. Die Gesellschaft war in den 1940er und 1950er Jahren von einem ambivalenten Verhältnis zu den Opfern des Nationalsozialismus geprägt. Kritiker bezeichneten die Arbeit des DÖW in den 1980er Jahren als Alibiaktion für Österreichs Image im Ausland. Dennoch hat das DÖW einen unverzichtbaren Beitrag zur historischen Aufarbeitung geleistet.
Die geplante Forschung in Liesing könnte nicht nur zur Aufklärung über die Verfolgten beitragen, sondern auch das Bewusstsein für die Widerstandsbewegungen in der Region schärfen. In einem Land, in dem das Thema Nationalsozialismus nach wie vor ein sensibles Feld ist, ist die Aufarbeitung der Geschichte von zentraler Bedeutung. Durch die Zusammenarbeit mit dem DÖW wird die KPÖ Liesing einen wichtigen Schritt in Richtung einer umfassenden und ehrlichen Aufarbeitung der Vergangenheit gehen.