In einem neuen Dokumentarfilm begleitet die Regisseurin Ruth Beckermann eine Klasse von Schülern im Alter von sieben bis zehn Jahren an einer großen Volksschule im Wiener Bezirk Favoriten. Dieser ethnisch vielfältige, ehemalige Arbeiterbezirk wird oft als „gefährlichster Bezirk von Wien“ bezeichnet. Über 60% der Wiener Volksschüler sprechen Deutsch nicht als Erstsprache, was die Herausforderungen für die Schule und die Lehrkräfte nur verstärkt. Besonders in Favoriten leidet das Bildungssystem unter akutem Lehrermangel, und im Film „FAVORITEN“ werden diese gesellschaftlichen Probleme nicht direkt angesprochen, sondern der Fokus liegt auf den individuellen Geschichten der Kinder und ihrer Entwicklung bis zum letzten Grundschuljahr. Die Zeit, die der Film dokumentiert, ist entscheidend für die Zukunft dieser Kinder.

Die Problematik ähnelt den Herausforderungen, die auch in Deutschland zu beobachten sind. Hier ist die Integration neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher ins Bildungssystem eine zentrale Herausforderung. Hohe Migrationsraten in den letzten Jahren, bedingt durch Kriege und Krisen, wie den Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren, haben die Schulen vor große Herausforderungen gestellt. Oft beginnt der Schulbesuch neu zugewanderter Kinder erst Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland. Viele von ihnen werden häufig Hauptschulen zugewiesen und verlassen die Schule ohne Abschluss. Die Leistungsunterschiede sind gravierend: Migrantenkinder schneiden in Leistungsvergleichen häufig schlechter ab.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Bildung und Migration in Deutschland

Aktuell waren von 11,1 Millionen Schülern in Deutschland 1,6 Millionen (14%) ausländische Staatsangehörige, was einen Anstieg um 18% im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Rund 217.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine wurden im Dezember 2023 an Schulen unterrichtet. Die Datenlage zu diesen Schülern ist jedoch lückenhaft und nicht vergleichbar. Sie bringen unterschiedliche Bildungsbiografien und Sprachkenntnisse mit, was die Schulen vor die Herausforderung stellt, Regelabläufe aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Bedürfnisse dieser heterogenen Schülerschaft zu berücksichtigen.

Ein zentrales Problem ist der Erwerb der Bildungssprache Deutsch, der für Schüler*innen mit Migrationshintergrund eine große Hürde darstellt. Mangelnde Sprachkompetenz ist oft ein Hauptfaktor für schlechtere Bildungsergebnisse. Fördermaßnahmen wie Sprachlernklassen und Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht sind entscheidend für die Integration. Dennoch bestehen weiterhin strukturelle Bildungsungleichheiten, die Kinder aus nicht-deutschsprachigen oder sozioökonomisch benachteiligten Familien benachteiligen.

Vielfalt als Chance

Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen einen Rechtsruck und zunehmende rassistische Einstellungen, die auch die Schulen betreffen. Dennoch birgt die migrationsbedingte Vielfalt auch Potenziale. Mehrsprachigkeit wird zunehmend als Ressource angesehen, und interkulturelle Kompetenzen gelten als Schlüsselqualifikationen im 21. Jahrhundert. Konzepte wie die „Schule der Vielfalt“ zielen darauf ab, diskriminierungssensible und chancengerechte Strukturen zu schaffen.

Bildungspolitisch wird Migration als Querschnittsthema behandelt, und Programme wie „Schule macht stark“ fokussieren auf benachteiligte Schulen mit hohem Migrationsanteil. Um Teilhabe, Chancengleichheit und die Anerkennung von Vielfalt als Bildungsressource zu fördern, müssen Schulen ihre Praktiken an die diverse Gesellschaft anpassen. Die Notwendigkeit, Migration und Vielfalt im Bildungssystem zu thematisieren und zu normalisieren, ist dringlicher denn je, um den sozialen Herausforderungen und den Erfahrungen von Rassismus entgegenzuwirken.

Die Geschichten der Kinder in Favoriten sind somit nicht nur Einzelfälle, sondern spiegeln eine weitreichende Problematik wider, die in vielen urbanen Bildungslandschaften zu beobachten ist. Der Film „FAVORITEN“ ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die individuellen Schicksale in den Mittelpunkt zu rücken und die Herausforderungen im Bildungssystem zu thematisieren.
Weitere Informationen finden Sie auf Cineplex sowie auf bpb und schulen.de.