Am 6. Februar 2026 feierte die Bühnenadaption von Marlen Haushofer’s Novelle „Wir töten Stella“ unter der Regie von Jakab Tarnóczi ihre Premiere im Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung nimmt das Publikum mit in die komplexe Psyche der Protagonistin Anna, die in einem unbehaglichen Raum mit mehreren Türen lebt und mit ihrer Vergangenheit ringt. Anna sehnt sich danach, „in Ruhe leben zu können ohne Furcht und Erinnerung“, doch die dramatischen Ereignisse, die sich um ihre neunzehnjährige Freundin Stella entfalten, lassen diese Sehnsucht in weite Ferne rücken.

Stella wird von Annas Familie aufgenommen, was letztlich zu einem tragischen Vorfall führt. Anna versucht, die Ursachen des Geschehens zu verstehen und stellt sich Fragen zu Schuld und Verantwortung. Die Beziehung zwischen Anna und Stella, die von Spannungen und Belastungen geprägt ist, wird eindrucksvoll auf der Bühne dargestellt. Besondere Aufmerksamkeit erhält die Figur der Stellas Mutter, die als unangepasst und vernachlässigend beschrieben wird. Die Inszenierung schafft es, die innere Qual Annas durch präzise Dialoge und innere Monologe zu reflektieren, während zwei Frauen mit Live-Kamera als Wiedergängerinnen der Anna fungieren.

Thematisierung von Schuld und Verantwortung

Die Geschichte wird in einem krimiartigen Spannungsbogen präsentiert, der die Zuschauer dazu anregt, über die Zuverlässigkeit von Annas Erzählung nachzudenken. Ihre Selbstbezichtigung wirft Fragen auf und deutet an, dass es möglicherweise alternative Wahrheiten gibt, die hinter der Geschichte verborgen sind. Die späte Aufarbeitung von Annas Schuld durch ihr Schweigen wird zum zentralen Thema der Aufführung. Olivia Grigolli verkörpert die heutige Anna, während Sarah Sophia Meyer die jüngere Anna spielt.

Das Ensemble wird von einer eindrucksvollen Inszenierung begleitet, die von Eszter Kálmán gestaltet wurde, mit Kostümen von Ilka Giliga und Musik von Levente Bencsik und Máté Hunyadi. Der dramatische Höhepunkt der Aufführung wird durch einen symbolischen Tanz der drei Frauen erreicht, der Annas innere Qualen verdeutlicht. Die gesamte Aufführung dauert 1 Stunde und 50 Minuten ohne Pause, was den Zuschauern genügend Zeit gibt, die vielschichtige Handlung und die emotionalen Konflikte zu verarbeiten.

Marlen Haushofer: Eine oft unterschätzte Stimme

Marlen Haushofer, geboren am 11. April 1920, gilt als bedeutende, aber oft unterschätzte österreichische Autorin. Ihr bekanntestes Werk, der Roman „Die Wand“, wurde 1963 veröffentlicht und hat bis heute nichts von seiner Relevanz verloren. Haushofer wurde lange Zeit vergessen, bevor ihre Werke ab 1984, insbesondere durch die Frauenbewegung, eine Wiederentdeckung erlebten. Anlässlich ihres 100. Geburtstags und 50. Todestags im Jahr 2020 wurde kritisiert, dass ihr Verlag das Jubiläum nicht ausreichend würdigte.

Ende 2023 erschien eine sechsbändige Werkausgabe ihrer Werke, die Vorworte zeitgenössischer Autorinnen und Autoren enthält und im Februar 2024 auf Platz 1 der ORF-Bestenliste und im März 2024 die SWR-Bestenliste anführte. Diese Wiederentdeckung unterstreicht die zeitlose Relevanz und die tiefgründigen Themen, die Haushofer in ihren Erzählungen behandelt. Der ungarische Regisseur Jakab Tarnóczi zeigt mit seiner Inszenierung, wie aktuell die Themen von Schuld, Verantwortung und den Folgen von Trauma auch heute noch sind.

Für weitere Informationen und Details zur Inszenierung kann der Artikel auf nachtkritik.de gelesen werden. Auch auf der Website des Schauspielhauses Graz finden sich weitere Informationen zur Produktion.