In der Welt der spannenden Kriminalromane hat Nicole Stranzl mit ihrem neuen Werk „Waldgeheimnis“ einen echten Nerv getroffen. Die Autorin, die als Redakteurin bei der Kleinen Zeitung arbeitet, trifft mit ihrem elften Buch den Puls der Zeit. Der Inhalt ist schockierend und fesselnd zugleich: Liebesbriefe an einen psychopathischen Serienmörder, ein dramatischer Gefängnisausbruch und mehrere Morde, die mit einem Golfschläger als Mordwaffe geschehen.
Für ihre Recherchen zog es Stranzl in die Justizanstalt Graz-Karlau. Dort konnte sie einen tiefen Einblick in den Alltag der Insassen erhalten. Die Autorin berichtet von Tagesabläufen, psychologischen Gesprächen und dem Alltag in den Betrieben der Justizanstalt, wo Häftlinge in einer Bäckerei, Gärtnerei und Tischlerei arbeiten. Diese Erfahrungen hat sie in ihr Buch eingeflossen, um es möglichst realistisch zu gestalten. In Gesprächen mit Gerhard Derler, dem Leiter der Justizanstalt, erörterte sie Fluchtmöglichkeiten und den Gefängnisalltag.
Die Faszination für das Verbrechen
Ein zentrales Thema in Stranzls Buch ist die psychologische Faszination für Häftlinge, die als Hybristophilie oder auch als „Bonnie & Clyde Syndrom“ bekannt ist. Diese Paraphilie beschreibt die sexuelle Anziehung zu Kriminellen, insbesondere zu Tätern von Sexual-, Gewalt- und Tötungsdelikten. Frauen sind in diesen Beziehungen überrepräsentiert, was auf verschiedene psychologische Faktoren zurückgeführt werden kann. Einsamkeit, geringes Selbstbewusstsein und der Wunsch nach Aufmerksamkeit spielen oft eine Rolle. Darüber hinaus sehen viele Frauen in kriminellen Männern eine Art von Stärke und Sicherheit, was die Anziehung erklärt.
Eine interessante Perspektive bietet die Evolutionspsychologie, die besagt, dass Frauen in diesen Männern Alphatiere erkennen. Sheila Isenberg, eine Expertin auf diesem Gebiet, hat festgestellt, dass betroffene Frauen häufig aus schwierigen Verhältnissen stammen. Sie suchen Partner, die sie kontrollieren können, und bagatellisieren oft die Taten ihrer Partner. In der Literatur wird zwischen zwei Formen der Hybristophilie unterschieden: Die passive Form, bei der es um die sexuelle Anziehung ohne den Wunsch zur Teilnahme an Straftaten geht, und die aktive Form, bei der Partner zu Straftaten angestiftet werden.
Beziehungen im Gefängnis
Ein weiterer Aspekt, den Stranzl in ihrem Buch thematisiert, ist die Realität von Beziehungen zwischen Häftlingen und dem Gefängnispersonal. Eine neue Studie, die vom kanadischen Kriminologen Philippe Bensimon durchgeführt wurde, zeigt, dass Frauen etwa 70% dieser Beziehungen ausmachen. Der Gefängnisalltag, geprägt von täglichen Interaktionen, fördert romantische Beziehungen. Oft sind weibliche Angestellte die einzigen Frauen im Umfeld der Häftlinge, was zu einer Idealisierung führt. Tragisch enden solche Beziehungen häufig, sei es durch Verlegungen der Häftlinge oder Jobverluste der Mitarbeiterinnen.
Während Stranzl auf Lesetour ist und in Graz, Gössendorf und auf verschiedenen Buchmessen liest, ist sie sich der Brisanz und Komplexität ihrer Themen bewusst. Ihr Buch informiert nicht nur über die Abgründe menschlichen Verhaltens, sondern auch über die Arbeit von Krisenpflegeeltern, die sich um gefährdete Kinder kümmern. Ein weiteres Buch von Stranzl ist bereits für August angekündigt und wird sicherlich erneut viele Leser in seinen Bann ziehen.