Heute ist der 12.02.2026, und im malerischen Bad Aussee wird wieder einmal die Faschingssaison zelebriert. In dieser Region hat sich eine ganz besondere Tradition entwickelt: die Faschingsbriefe. Diese humorvollen, gereimten Texte und Lieder berichten auf witzige Weise über die Fehltritte und besonderen Vorkommnisse der Ortsbewohner. Das Besondere daran ist, dass diese Tradition bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, genauer gesagt bis in die 1860er Jahre. Im Ausseerland wird der Fasching vor allem durch das Vortragen dieser Faschingsbriefe gefeiert, die in verschiedenen Gaststätten zwischen Faschingssamstag und -dienstag aufgeführt werden.

Aktiv sind in der Region bis zu 14 Gruppen, deren Mitglieder die Geschichten im Team oder als kreative Einzelpersonen verfassen. Besonders hervorzuheben ist die Rolle von Hans Gielge, einem Heimatforscher, der ab den 1950er Jahren den Faschingsbrief einen besonderen Stellenwert verlieh. Gielge, der auch Volksliedschreiber war, sammelte und zeichnete die Geschichten und Lieder selbst, was den Faschingsbriefen eine neue Dimension gab. Erwähnung in einem dieser Briefe gilt als Auszeichnung, und die Themen reichen von der Gemeindepolitik bis zu bekannten Persönlichkeiten.

Die Bedeutung von Hans Gielge

Johann „Hans“ Margaretha Gielge wurde am 9. Juni 1901 in Gramastetten, Oberösterreich, geboren und verstarb am 16. Jänner 1970 in Bad Aussee. Er war nicht nur Lehrer und später Direktor der Mädchen-Hauptschule in Bad Aussee, sondern auch ein engagierter Heimatpfleger. Gielge war maßgeblich an der Gründung des Arbeiter-Gesangsvereins Alpenklang und des Heimatwerks Ausseerland beteiligt, und er initiierte diverse kulturelle Gruppen wie eine Sing- und Tanzgruppe sowie eine Theatergruppe. Seine Leidenschaft für die Volksmusik zeigte sich nicht nur in seinen Mundartgedichten und Liedern, sondern auch in der Sammlung und Aufzeichnung zahlreicher Jodler.

Im Jahr 1967 wurde der Hans-Gielge-Preis von der Gemeinde Altaussee ins Leben gerufen, um Verdienste in der Volkskultur und Volksmusik zu würdigen. Eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Gramastettner Marktstraße 36 erinnert an sein Lebenswerk, das einen bleibenden Einfluss auf die Kultur des Ausseerlandes hatte.

Ein Ventil der Volksmeinung

Die Faschingsbriefe im Ausseerland sind nicht nur eine unterhaltsame Tradition, sondern auch ein Ventil für die Volksmeinung. Sie bieten eine humoristische Chronik der Ereignisse des Jahres und spiegeln die gesellschaftlichen Entwicklungen wider. In den Aufführungen, die in den verschiedenen Gruppen stattfinden, können die Zuschauer die musikalischen Fähigkeiten der Teilnehmer erleben, und die Plätze im Publikum sind begehrt. Zu den aktiven Gruppen zählen unter anderem die Siaßreither, Lupitscher Woschweiber, Grundlseer Kirchenchor, Narrenstadl und Suamstöcke, wobei die Suamstöcke durch eine strenge Hierarchie, angeführt von einem „Obersuamstock“, geprägt sind.

Im Jahr 2017 wurde im Kammerhofmuseum eine Sonderausstellung zum Fasching im Ausseerland veranstaltet, die auch Videoausschnitte aus vergangenen Faschingsbriefen präsentierte. Diese Tradition zeigt eindrucksvoll, wie tief verwurzelt der Fasching in der Kultur des Ausseerlandes ist und welche Bedeutung er für die Gemeinschaft hat. Quelle und Quelle geben einen guten Überblick über diese faszinierende Tradition und ihre Protagonisten.