Die Geschichte des Oboenkonzerts von Richard Strauss ist eng mit den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verbunden. Im April 1945, als amerikanische Truppen in Garmisch-Partenkirchen einmarschieren, trifft der berühmte Komponist Richard Strauss auf die Soldaten direkt an der Tür seiner Villa. Mit seinem internationalen Renommee gelingt es ihm, sowohl sich selbst als auch sein Heim vor der Konfiszierung zu schützen. Unter den amerikanischen Soldaten befindet sich auch John de Lancie, der später als Solo-Oboist des Philadelphia Orchestra bekannt wird. De Lancie fragt Strauss, ob er jemals an einem Solokonzert für Oboe gedacht habe, doch der Komponist weist dies zunächst zurück.
Im Sommer 1945, inspiriert von dieser Begegnung, komponiert Strauss schließlich das Concerto in D major für Oboe und kleines Orchester. Mit einer anspruchsvollen Solo-Stimme, die Albrecht Mayer als „Schwierigsten und Anstrengendsten“ Teil des Repertoires beschreibt, erfordert das Werk nicht nur technisches Geschick, sondern auch lange Atempausen. Strauss’ Oboenkonzert ist Teil seiner sogenannten „indian summer“-Phase, in der er trotz der schwierigen Umstände der Nachkriegszeit weiterhin bedeutende Werke schafft.
Entstehung und Uraufführung
Die Komposition des Oboenkonzerts beginnt mit einer kurzen Skizze am 14. September 1945, gefolgt von der Orchestrierung, die am 25. Oktober 1945 abgeschlossen wird. Die Uraufführung erfolgt am 26. Februar 1946 in Zürich, mit Marcel Saillet als Solisten und dem Tonhalle-Orchester unter der Leitung von Volkmar Andreae. Das Konzert wird dem Tonhalle-Orchester gewidmet und zeigt die klanglichen Eigenarten der Oboe besonders eindrucksvoll. Strauss selbst ist bei der Uraufführung anwesend und erlebt einen bewegenden Moment, als eine Zuhörerin ihren Platz mit ihm tauscht und ihn symbolisch zurück auf die Bühne bringt.
Die Struktur des Konzerts besteht aus drei Sätzen, die ohne Unterbrechung aufeinander folgen: Allegro moderato, Andante und Vivace. Besonders das Finale überrascht mit einem tanzartigen Allegro im 6/8-Takt, das fast wie ein vierter Satz wirkt. Die Themen des Konzerts sind kunstvoll verarbeitet und zeigen eine einfache, aber effektvolle kontrapunktische Struktur. Strauss überarbeitet sogar den Schluss des letzten Satzes Anfang 1948, was die ständige Weiterentwicklung seines Schaffens verdeutlicht.
Wirkung und Rezeption
Die britische Premiere des Oboenkonzerts findet am 17. September 1946 bei den Proms statt, mit Léon Goossens als Solisten. Auch in den USA wird das Werk populär; De Lancie überträgt die Aufführungsrechte an Mitch Miller, was zur U.S. Premiere am 30. August 1964 führt. Strauss’ Oboenkonzert wird schnell zu einem festen Bestandteil des Repertoires und ist bis heute ein Highlight in der Welt der klassischen Musik. Es zeigt nicht nur die stilistische Vielfalt des Komponisten, sondern auch, wie Kunst in Zeiten von Krieg und Frieden eine verbindende Kraft entfalten kann.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Richard Strauss mit seinem Oboenkonzert ein Meisterwerk geschaffen hat, das sowohl musikalisch als auch historisch von großer Bedeutung ist. Es ist ein Zeugnis seiner kreativen Schaffenskraft in einer Zeit des Umbruchs und bleibt ein wichtiges Werk des 20. Jahrhunderts.