Am vergangenen Wochenende begeisterte das Festspielhaus in St. Pölten mit einer außergewöhnlichen Inszenierung von Sergej Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“. Choreograf Marcos Morau, bekannt für seine innovative Herangehensweise, präsentierte eine Interpretation, die sich stark von der klassischen Version abhebt. Anstatt der traditionellen Rollen und dem tragischen Liebespaar, rückte Morau die komplexen Familienverbände der Montagues und Capulets sowie die Themen Gewalt und Macht in den Vordergrund. Diese Fokussierung verleiht dem Stück eine zeitgemäße Brisanz, insbesondere im Kontext aktueller Berichte über Plünderungen in der Ukraine, dem Geburtsort Prokofjews.

Die Inszenierung war geprägt von einer düsteren Ästhetik: Die Bühne blieb während der gesamten Aufführung dunkel, und alle Darsteller trugen schwarze Unisex-Kostüme mit Rüstungscharakter. Morau verzichtete bewusst auf klassische Pas de deux und große Soli; die Tänzerinnen und Tänzer traten nur kurz in Erscheinung, was die Aufmerksamkeit auf die Gesamtchoreografie lenkte. Die Bewegungen waren stark ausdrucksvoll, oft abgehackt und schienen die Emotionen von Trauer, Rache, Wut, Empörung und Wehmut zu verkörpern.

Die musikalische Grundlage

Die musikalische Grundlage dieser Inszenierung bildete Prokofjews berühmte Ballettmusik, die vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Gavin Sutherland eindrucksvoll interpretiert wurde. „Romeo und Julia“ gilt als das bekannteste Ballett von Sergej Prokofjew und wird oft als sein bedeutendster Beitrag zur Gattung betrachtet. Die Partitur, die 1938 in Brünn uraufgeführt wurde, zeichnet sich durch ihre reiche Instrumentierung und rhythmische Komplexität aus. Dissonanzen, die an die Grenze zur Atonalität gehen, sind in Stücken wie „Machtwort des Herzogs“ und „Romeo rächt Mercutios Tod“ zu hören.

Prokofjew, der am 23. April 1891 in Sonzowka geboren wurde, begann bereits im Kindesalter mit dem Komponieren. Nach seinem Studium am Sankt Petersburger Konservatorium und seiner Auswanderung infolge der Oktoberrevolution kehrte er 1936 endgültig nach Russland zurück. Sein Werk „Romeo und Julia“ war die erste bedeutende Komposition nach seiner Rückkehr und spiegelt viele seiner musikalischen Entwicklungen wider. Besonders bekannt ist auch der „Tanz der Ritter“, der für seine schweren, punktierten Rhythmen berühmt ist.

Ein Blick auf die Choreografie

Morau nutzt in seiner Choreografie eine Vielzahl von Elementen, um die Herrschaft des Bösen darzustellen, ohne die Dialektik von Gut und Böse zu thematisieren. Die kurzen Auftritte der Tänzerinnen und Tänzer schaffen eine Atmosphäre der Unmittelbarkeit und drücken die verzweifelten Emotionen der Charaktere aus. Die Abgehacktheit der Bewegungen, die oft vom Körper losgelöst erscheinen, verstärkt den Eindruck von innerer Zerrissenheit und Konflikt.

Insgesamt bietet Morau mit seiner Inszenierung eine bemerkenswerte und moderne Perspektive auf die klassische Tragödie von Shakespeare. Die Verbindung von zeitgenössischem Tanz mit Prokofjews eindrucksvoller Musik schafft ein Erlebnis, das in der heutigen Zeit besonders relevant ist. Diese Interpretation von „Romeo und Julia“ im Festspielhaus St. Pölten ist ein eindrückliches Beispiel für die Kraft des Balletts, gesellschaftliche Themen zu reflektieren und zu hinterfragen.