In der heutigen Zeit stehen europäische Opernhäuser und Tanzensembles vor der Herausforderung, Zuschauerinnen zu gewinnen. Besonders zeitgenössisch orientierte Häuser müssen kreativ sein, um ihre Karten zu verkaufen. Ein gelungenes Beispiel hierfür ist das Gastspiel des Opera Ballett Vlaanderen, das kürzlich im Festspielhaus St. Pölten stattfand. Die Inszenierung von Marcos Moraus „Romeo und Julia“ aus dem Jahr 2025, die auf 80 Minuten gekürzt wurde, stellt eine innovative Annäherung an Prokofjews berühmte Vorlage dar.
Unter der Leitung von Ballettdirigent Gavin Sutherland, der das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich dirigierte, erlebten die Zuschauer eine Aufführung, die von der talentierten Zora Šemberová als Julia geprägt wurde. Morau, der als Shootingstar der Szene gilt, ist bekannt für seine großformatigen Bildwirkungen und hat bereits in St. Pölten mit „Notte Morricone“ gearbeitet. In seiner Version von „Romeo und Julia“ wird die zugespitzte Artikulation der Oberkörper und Köpfe der Tänzerinnen besonders betont. Die Inszenierung erinnert an Zerrbilder aus dem Expressionismus, beginnend mit Tänzerinnen in Schwarz, die sich in Dunkelheit auf die Bühne bewegen.
Ein neuer Blick auf das Ballett
Marcos Morau zeigt nicht nur in St. Pölten seine außergewöhnlichen Fähigkeiten. Am 31. Oktober 2025 präsentierte er seine zweite Uraufführung mit dem Titel „Wunderkammer“ in Berlin. Diese Choreografie ist inspiriert vom Berliner Nachtleben und den Kabaretts der Weimarer Republik, sowie von Renaissance-Kuriositätenkabinetten. In Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Max Glaenzel und Kostümdesignerin Silvia Delagneau entstanden geschlechtsneutrale Kostüme, die mit Glitzereffekten und interessanten Materialien wie Lederriemen und Büstenhaltern gestaltet wurden.
Die Atmosphäre der „Wunderkammer“ wird durch die Musik von Clara Aguilar und Ben Meerwein, die dröhnende Klänge und Gesangseinlagen umfasst, unterstrichen. Die Tänzerinnen müssen während der Aufführung schreien und kreischen, was für eine dynamische und lebendige Inszenierung sorgt. Mit insgesamt 30 Tänzern wird eine dichte Atmosphäre geschaffen, die an eine überfüllte Diskothek erinnert. Am Ende mischen sich die Tänzer singend unter das Publikum, was die Interaktion zwischen Bühne und Zuschauern verstärkt.
Ein Blick auf die Tanzgeschichte
Marcos Morau hat sich nicht nur mit „Romeo und Julia“ und „Wunderkammer“ einen Namen gemacht. Sein Werk „Totentanz“, das als Highlight des Abends bei der Premiere des Balletts „Fast Forward“ an der Hamburgischen Staatsoper aufgeführt wurde, thematisiert die Allgegenwart des Todes. Die hyper-exakten, ruckartigen Bewegungen der Tänzer erzeugen einen eindringlichen Eindruck und erinnern an die Tradition des „Danse Macabre“. In diesem Gesamtwerk, das vier unterschiedliche Stile und Choreografen vereint, zeigt Morau einmal mehr sein Gespür für innovative Tanzsprache.
Mit seinen Inszenierungen bringt Marcos Morau frischen Wind in die Tanzszene und verbindet klassische Elemente mit modernen Ansätzen. Seine Arbeiten sind nicht nur eine Augenweide, sondern laden auch zu tiefgehenden Reflexionen über die menschliche Existenz ein.