Was geht in der Welt der Medizin? In einem Zeichen der Veränderung hat die renommierte Marie von Lilienfeld-Toal den ersten Lehrstuhl für Diversitätsmedizin in Deutschland an der Ruhr-Universität Bochum übernommen. Diese Entscheidung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, denn wie Die Zeit berichtet, ist eine diversitätsbewusste Medizin essenziell, um nicht nur junge, gesunde, weiße Männer in den Fokus zu rücken, sondern auch Frauen, ältere Männer und Personen mit Behinderungen in die medizinische Versorgung zu integrieren.
Das medizinische System zeigt eindeutige Schwächen: Die Forschung und Behandlung haben historisch vor allem auf eine „Normperson“ ausgerichtet, was zu Ungleichheiten führt. Immer weniger Aufmerksamkeit erhalten Gruppen, deren spezifische Gesundheitsbedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Ein prägnantes Beispiel ist die derzeitige medizinische Evidenz, die oft wenig Rücksicht auf diverse Hauttypen nimmt. Eine Studie von Lauren Hollins hat gezeigt, dass in führenden dermatologischen Fachzeitschriften lediglich 6% der Bilder Patienten mit dunkler Haut zeigen, während 67% helle Hauttöne abbilden. Das hat fatale Folgen, da Erkrankungen oft erst spät erkannt werden, was zu höheren Sterberaten führen kann. Spektrum hebt hervor, dass Betroffene oft an finanziellen Nachteilen und mangelndem Bewusstsein über ihre Risiken leiden.
Herausforderungen in der Versorgungsrealität
Die Gesundheitsversorgung wird als grundlegendes Menschenrecht angesehen. Doch wie FU Berlin aufzeigt, gibt es gravierende Herausforderungen, insbesondere für Frauen und LGBTQ+ Personen. Die Medizin hat historisch den männlichen Körper als universelles Modell betrachtet, was dazu führt, dass die Gesundheitsbedürfnisse anderer Gruppen nicht ausreichend in den Vordergrund rücken. Diese Diskriminierung zeigt sich nicht nur in der Erkennung von Krankheiten, sondern auch in der Art und Weise, wie Beschwerden behandelt werden.
Status quo und Ungleichheiten sind klar: Frauen, die nicht der weißen Norm entsprechen, erfahren zusätzliche Diskriminierung. Schmerzen werden oft nicht ernst genommen, und in vielen Fällen bleiben spezifische Bedürfnisse unberücksichtigt. Die Notwendigkeit einer geschlechtsbewussten und inklusiven Herangehensweise ist dringlicher denn je – die Covid-19-Pandemie hat diese Ungleichheiten weiter verschärft.
Die Zukunft der Diversitätsmedizin
Marie von Lilienfeld-Toal und ihr Team arbeiten an vielen Forschungsprojekten, um geschlechtsspezifische Referenzwerte zu überdenken und Diversitätsfaktoren in die medizinische Praxis zu integrieren. Ziel ist es, die falschen Differenzierungen zu beenden und somit eine bessere medizinische Einschätzung zu ermöglichen. Eine aktuelle Initiativen beurteilt beispielsweise die Wichtigkeit geschlechtsspezifischer Hämoglobinwerte für die Behandlung.
Ein zentraler Punkt ist die Erkenntnis, dass soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen entscheidend für den Verlauf von Krankheiten sind. So zeigen Studien, dass Armut die Rückfallquote bei Krebserkrankungen erhöht. Diese Aspekte lassen sich nicht ignorieren, wenn es darum geht, eine gerechte Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.
Der Impuls zur Diversitätsmedizin ist lägst überfällig. Universitäten und Forschungseinrichtungen, wie die Universität Innsbruck mit Sabine Ludwig an der Spitze, haben längst erkannt, dass Diversität in der Medizin weder eine Option noch ein Trend, sondern eine Notwendigkeit ist. Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, wie wir mit diesen Herausforderungen umgehen und ob wir es schaffen, die Gesundheitsversorgung für alle zu verbessern.